Einleitung, Themenwahl und Vorgehen:
Schaffer-Schöpfer-Macher
Macherinnen-Schöpferinnen-Schafferinnen
Die ersten Ideen zu diesem Thema hatten wir schnell,
wirklich überzeugt waren wir jedoch nicht. Wir hatte zu Beginn zwei sehr
unterschiedliche Gruppen die wir uns für diese Arbeit vorstellen konnten.
Einerseits das Holzlabor, eine kleine, alternative Schreinerei und andererseits
die Schwarzmaler, eine junge Sprayer-Gruppe welche auch grafische Arbeiten
macht. Das Holzlabor war wenig interessiert an dieser Arbeit teil zu nehmen und
die Schwarzmaler haben sich nie bei uns gemeldet. Somit war unsere Themenwahl
sehr lange unklar und wir konnten uns nur mässig dazu motivieren eine neue
Person zu suchen. Wir haben uns dann zu Beginn der IdpA zusammengesetzt und uns
über mögliche Personen oder Personengruppen unterhalten. Durch ein Buch, über
welches wir im Gestaltungsunterricht gesprochen haben, kamen wir auf die
Künstlerin Chantal Michel. Im Architekturbüro Schär Buri, in welchem Anna
arbeitet, hängt seit längerer Zeit ein grosses Bild von Michel und Anna kannte
die Künstlerin bereits durch Erzählungen und gesehene Fotografien, für Léa war
sie bis anhin eher unbekannt. Gleich an diesem Nachmittag haben wir uns
telefonisch bei ihr gemeldet und sie um ihr Interesse sowie ihre Unterstützung
bei unserer Arbeit gebeten. Durch ihre sofortige Begeisterung, die Zusage und die
mögliche Einspannung in ihre momentane Ausstellung, kam unsere Motivation
schlagartig zurück. Am Samstag der
selben Woche, konnte Anna bereits bei Michels Event mitwirken und erhielt
wichtige Einblicke in ihr Schaffen. Durch die verschiedenen kleinen Zusammenarbeiten
mit der Künstlerin, erhielten wir eine Ahnung über ihre Persönlichkeit und
entwickelten eine Vorfreude auf ein Treffen mit ihr. Durch unterschiedliche
Gespräche und Inputs, Recherchen im Internet und Bücher konnten wir mit einem
guten Grundwissen an das bereits abgemachte Interview nach Zürich fahren. Im
Voraus machten wir uns Gedanken über mögliche positive sowie auch negative
Themengebiete, welche uns interessierten, haben uns aber keine spezifischen
Fragen aufgeschrieben. Um eine spannende Arbeit zu schreiben, sollte man
Konfliktsituationen einfliessen lassen.
Für uns ein möglicher Konflikt weißt ihre familiäre
Situation auf, welche in ihrem Dokumentarfilm sehr zum tragen kommt. Beim
Interview versuchten wir diese Thematik erneut mit Feingefühl aufzugreifen, da
wir dachten, dass sie diese in ihren Arbeiten oft zum Ausdruck bringe. Ein
weiterer Konflikt ist die Tatsache, dass Chantal auf fast jedem Bild die
Protagonistin ist. Darüber wollten wir mehr erfahren, sowie auch wer und was
genau hinter diesen Figuren steckt. Auch ihre persönliche und professionelle
Entwiklung reizte uns, da wir dachten, dass bei solch aussagekräftigen Werken
zwingend eine grosse Veränderung stattfinden muss. Chantal Michel nahm sich
einen Nachmittag Zeit für uns, gab uns eine Führung durch „die Zitadelle“ mit
ergänzenden Infos zu ihren Werken. Durch das Fachsimpeln über ihre Arbeiten und
ihre Person, haben wir eine gute Basis geschaffen, um eine spannende
Dokumentation zu verfassen.
Wir haben uns im Voraus überlegt, zuerst alle Informationen
zusammen zu tragen und erst anschliessend gemeinsam die Texte zu formulieren.
Auch haben wir uns eine Planung und Struktur zusammengestellt, damit wir uns im
grossen Themengebiet nicht verlieren. Um die Texte zu erstellen, haben wir
knapp zwei Wochen eingeplant.
Dokumentierender Teil
Kindheit:
Chantal Michel wurde im Jahr 1968
in Bern in eine kleinbürgerliche Familie geboren. Sie galt als ein
introvertiertes und zurückhaltendes Kind, welches sich schon damals von der
Familie zurückgezogen hat. Dies waren unter anderem die Gründe, weshalb sie mit
10 Jahren von ihrer Mutter zu einem Psychiater geschickt wurde. Schon damals
hat Michel mit sich und ihrem Körper gearbeitet und getanzt. Sie besuchte eine
Ballettschule, in der sie sich jedoch nicht wohl fühlte, da sie lieber für sich
alleine als in einer Gruppe tanzte. Sie merkte, dass sie ihre Gedanken vor
Menschen nicht authentisch zum Ausdruck bringen konnte, erlickte mit der Zeit
die Videokamera und konnte mit dieser das erwünschte festhalten.
Es
überrascht daher nicht, dass ihre künstlerischen Wurzeln beim Tanz liegen.
Alles dreht sich um den Körper. „Aber ich bin viel zu scheu, um in einer Gruppe
tanzen zu können“, sagt sie. Daher weicht sie auf das Medium Fotografie oder
Video aus.
Ausbildung:
Nach der obligatorischen Schulzeit
absolvierte sie eine Lehre als Floristin, besuchte danach die Keramikfachklasse
an der Schule für Gestaltung in Bern und
bildet sich anschliessend als Bildhauerin aus. Zusätzlich studierte sie
vier Jahre an der Kunstakademie Karlsruhe bei Harald Klingelhöller.
Bereits als ausgebildete Floristin
ist Chantal Michel durch ihre opulenten, kreativen Blumensträusse aufgefallen.
Sie hat alle erlernten Regeln über den Haufen geworfen, die Bouquets entstanden
in Grössen, welche kaum abtransportierbar waren. Bei Kunden war sie dafür
bekannt und beliebt. Auch mit ihren Keramikobjekten hatte sie Erfolge, da sie
sich erneut gegen die Regeln entschied. Sie steckte viel Energie und
Persönlichkeit hinein, arbeitete mit Raum und Körper, sowie der Farbe weiss.
Ihre Werke waren schön und wirkten kühl, vielleicht ein Grund weshalb sie sich
nicht mit ihnen identifizieren konnte.
„Ich
komme ursprünglich von der Bildhauerei her, habe einige Preise erhalten für
meine Arbeit mit Objekten. Trotzdem fand ich es zunehmend absurd, persönliche
Aussagen in ein Kunstprodukt zu verpacken. Warum nicht direkt mit dem eigenen
Körper reden wie beim tanz?“
Immer noch gerne arbeitete sie mit
ihrem Körper, verschiedensten Räumlichkeiten, Formen und Beziehungen. Dies
fehlte ihr bei den vorhin erwähnten Arbeiten. Durch diese Erkenntnis veränderte
sie ihr Machen und Schaffen.
Sie
verharrte und entdeckte im Werk von Bruce Nauman den Ausweg. Warum in fremden
Formen nach Korrespondenzen suchen? Bietet nicht das eigene Dasein genügend
Stoff für die Kunst? Es muss nicht einmal etwas Besonderes passieren, denn die
Grundelemente sind jederzeit verfügbar. Der Körper stellt die Farbe, ein
beliebiger Raum die imaginäre Leinwand, die Stimmung des Augenblicks das Thema.
Aus dieser Haltung entstand ihr erstes Video «Sorry Guys», 1997. Schauplatz ist
das Atelier, ein kahler, enger Raum, fast ohne Requisiten. Die Künstlerin in
Abendgarderobe – blaues Seidenkleid, silberne Schuhe, silberne Abendtasche –
wirkt darin wie eine Riesin, ein Wesen von einem anderen Stern.
Erste Videoarbeit/Durchbruch:
Ihre erste Videoarbeit und zugleich
ihr Durchbruch fand in einem schlichten, würfelförmigen Betonraum statt. Sie
spielte mit ihrem Körper, dem Raum und deren Beziehung. Diese Arbeit hat sie
eigenhändig aufgezeichnet, welches ein wichtiges Instrument für viele folgende
Arbeiten ist. Dadurch besteht für sie die Möglichkeit, zeitgleich auf ihre
Mimik und Gestik einzugehen. (Siehe Abb.)
Schweizerhof:
Eine grosse Fotoarbeit der bereits
international bekannten Künstlerin entstand im Jahr 2005 im Berner
Schweizerhof. Dieser wurde im Februar wegen Renovationsgründen geschlossen und
somit erhielt Michel die Möglichkeit sich im Luxushotel einzunisten. In den
ersten drei Wochen lies sie sich durch die Leere des Gebäudes inspirieren. „Hören sie diese Stille? Es ist seltsam, die
Wände sprechen nicht, es kommt so nichts zurück. Diese Leere hat mich
fasziniert und die Künstlichkeit des Ambientes hat mich nicht mehr
losgelassen.“
Sie selbst lebte in den zwei
Luxussuiten in der vierten Etage. Bis zur Vernissage Ende Oktober entstanden in
zehn Räumen Bilder mit ihr als Protagonistin. Das Ambiente des Hotels wirkt durch
die Möblierung sehr Puppenstubenhaft und lässt die Fotografien eine eigene
Sprache sprechen. Um die Dramatik der Bilder zu verstärken, sowie
Schattenwürfen zu entkommen, wurden alle Aufnahmen nachts bei künstlichem Licht
gemacht. Für die einwöchige Ausstellung wurden die Bilder in Grossformat in den
jeweiligen Räumen präsentiert. (Siehe Abb.)
http://www.chantalmichel.ch/pressetexte/Schweizer_Illustrierte_2005-10-17_Willkommen_im_Hotel_Michel.pdf
(Nichts verwendet)
Chantal
Michel sucht die Nähe zu den Besuchers, ihrer Fotografien und Videos. „Museen
sind eine einsame Geschichte“, sagt sie. „Die Leute schauen sich die Bilder an
und gehen dann wieder nach Hause. Ich will mit den Menschen in Kontakt treten,
mit dem Bauern genauso wie mit dem Unternehmer oder dem Lehrling, und mich mit
ihnen über meine Werke austauschen. Ich will sie mit meiner Kunst berühren.“
Grand Hotel Bürgenstock:
Im Grand Hotel auf dem Bürgenstock
am Vierwaldstättersee entstand im Jahr 2006 eine neue Ausstellung, deren Foto-
und Videoarbeiten ausschliesslich im alten Haus aufgenommen wurde. In jedem der achtzehn Zimmer im ersten Stock
ist mindestens ein „stiller Gast“ zu entdecken. So betitelt Michel ihre
dort entstandene Arbeit. Kennzeichnend für diese Exposition ist, dass
ausschliesslich neu entstandene Schöpfungen in den jeweiligen Entstehungsräumen
ausgestellt wurden.
Sie
versteht es meisterhaft, Stimmungen gelebter Räume einzufangen und Orte durch
ihre Präsenz zu verwandeln.
Schloss Kiesen:
Die am längsten anhaltende Arbeit
fand in den Jahren 2008-2011 im Schloss Kiesen statt. Die Vorgehensweise
ähnelte der im Schweizerhof, nur stand ihr keine Möblierung zur Verfügung. Seit
über 25 Jahren stand das Schloss leer bevor es von Michel in eine Märchenwelt
verwandelt wurde. Während ihrer Zeit als Künstlerin merkte sie, dass sich die
Rezipienten vor Museen scheuen und wollte deshalb eine neue
Ausstellungsatmosphäre entstehen lassen.
Werke
und Räume sind eine Einheit, sie verweisen aufeinander, sie ähneln sich in Zeit
und Ort. Die im üblichen Ausstellungskontext von Museen und Galerien klare
Trennung zwischen Bildraum und Ausstellungsraum, zwischen Vorstellungskraft und
Realität wird durchlässig. http://www.chantalmichel.ch/pressetexte/Der_Bund_2008-07-08_Chantal_im_Wunderland.pdf
Die Räumlichkeiten waren sehr
farbig, verspielt und dekorativ eingerichtet. Michel arbeitete nicht nur
visuell, sondern auch mit Gerüchen, unterschiedlichen Temperaturen und
neuerdings auch mit verschiedenen Kulinarischen Höhenpunkten. Dies entstand aus
der Idee, dass viele Besucher das Gespräch mit ihr suchten und sie dafür
während der Ausstellung zu wenig Zeit hatte. Jeden Samstag bietete sie
angemeldeten Gästen ein selbstgekochtes, farblich abgestimmtes Menu an und ass
mit ihnen. Durch die grosse Nachfrage der persönlichen Gespräche, bot sie mit
der Zeit Übernachtungsmöglichkeiten an, mit dem Hintergedanken eines
gemeinsamen, langen Frühstücks.
Ihre 40 neuen Werke entstanden, wie
bereits bei vorhergehenden Arbeiten, im grossen Zusammenspiel mit der
Geschichte des Gebäudes, den Räumen und ihrer Person.
Sie
habe auf die besondere Atmosphäre der Gemächer reagieren müssen.
Nach Ablauf ihrer Zeit in Kiesen,
veranstaltete sie im Schlossgarten ihren ersten Flohmarkt. Diese Idee entstand
durch die grossen Anschaffungen verschiedenster Materialen und Möbel, welche
sie nun nicht mehr benötigte. Dieser Eventteil stiess auf grosse Begeisterung
und zieht sich bis heute durch Arbeiten von ihr. (Siehe Abb.)
http://www.srf.ch/player/tv/aeschbacher/video/chantal-michel?id=46c0d9a2-5206-4b24-b36e-5986d649c484
Villa Gerber Thun:
Die Villa Gerber in Thun ist ein
weiteres Gebäude, in dem sich Michel zwischen 2012/13 niederlies. Sie arbeitete
mit dem identischen Konzept wie im Schloss Kiesen. Der einzige wahrnehmbare
Unterschied war, dass sie die Etagen stilistisch verschieden einrichtete. Im
Dachstock arbeitete sie mit rustikaler Dekoration, die darunter liegende Etage
fand man im fünfziger- und sechziger Jahr Stil vor. Bei Kerzenschein und
gemütlich-romantischer Stimmung wurde im Gewölbekeller der Villa zum eleganten
Diner gebeten.
An
langen Tischen ist für die rund zwanzig Personen aufgedeckt. Diesen Samstag hat
die Künstlerin eine Kürbiscremsuppe vorbereitet, gefolgt von einem
ausgezeichneten Bärlauchpestorisotto. Dazu gibt’s Rotwein und hinterher
Gugelhopf und Café. Ein guter Freund trägt auf, und schon bald gesellt sich
Michel zu den Gästen. „Seit ich koche, bin ich glücklich“, meint sie, nur so
lerne sie die Leute kennen und erhalte Feedbacks auf ihre Arbeiten, wie es in
Galerien und Museen nicht möglich ist.
Die Zitadelle Wollishofen:
In Wollishofen bei Zürich bespielt
Michel zur Zeit eine 70er-Jahre Kirche, welche im Jahr 2015 abgerissen wird. Vor
Kirchen, hat sie laut eigenen Aussagen, den Horror, aber da sie von diesem
sakralen Bau gefunden wurde, nahm sie sich diesem Projekt an. Es wurde von der
Künstlerin als „Die Zitadelle“ betitelt. Im Mittelalter wurde eine in sich
abgeschlossene Festung, welche innerhalb einer Hauptbefestigung liegt und als
Rückzugsmöglichkeit galt, als Zitadelle bezeichnet. Das Wort wurde vom
italienischen „cittadella“ abgeleitet, dies bedeutet „kleine Stadt“. Unserer
Ansicht nach, trifft diese Begriffserläuterung sehr auf dieses Gebäude zu, da
es von aussen sehr abweisend und kühl wirkt, von innen jedoch bietet es eine
wohlige Rückzugsmöglichkeit. Durch die Verwendung von alten und neuen Werken
wird auch dieser Bau in eine Märchenwelt verwandelt. Sie spielt erneut mit
Temperaturen, Gerüchen, mystischen Klängen, Licht und vor allem mit den
Räumlichkeiten.
Das Innern der mehrstöckigen Kirche
ist komplett abgedunkelt und die Künstlerin arbeitet ausschliesslich mit
warmem, künstlichem Licht. Im Treppenhaus hangen zusätzlich Diskokugeln, welche
für Spezialeffekte sorgen. Die orgelartigen Töne werden unbewusst wahrgenommen,
mit der Zeit drücken sie aber auf die Gemütslage. Die dadurch entstehende
schwere Atmosphäre wird durch den intensiven Geruch und die variierenden
Temperaturen unterstrichen.
Seit
Anfang Februar lebt und arbeitet Chantal Michel in der ehemaligen Kirche. „Ich
versuche, die Räume emotional zu verstehen.“ Sie vergleicht das Einrichten
eines Raumes mit einer Beziehung. „Beides braucht Zeit, beides muss Wachsen.“
Sie will schliesslich nicht nur schöne Räume schaffen, sondern eine Stimmung
vermitteln. „Je mehr Zeit ich habe, desto besser kommt es raus.“ Möbel, Lampen,
Teppiche, Geschirr und Tischtücher hat sie alle von Bern nach Zürich gebracht.
Chantal Michel ist nicht nur eine Perfektionistin, sondern auch eine Ästhetin.
Damit sie erneut die Nähe und den
Kontakt mit ihren Besuchern hat, bietet sie auch in der Zitadelle ein „Diner
blanc“ an. Wegen altem Ballast, täglich zwei Besuchen im Brockenhaus nebenan
und vielen Neuanschaffungen für die Einrichtung, bietet sie weiterhin einen
Flohmarkt an, jetzt jedoch regelmässig.
Während der Zeit in der Zitadelle
entstanden in Michels Atelier in Thun ihre neusten Werke, mehrere Adaptionen
nach Ferdinand Hodler. Durch das eigenhändige bemalen der Hintergründe und sich
selbst, gelang es der Künstlerin die Art der Bilder nachzuahmen. Wegen der
Verwendung einer kompakten Digitalkamera haben die Bilder bei der Vergrösserung
eine körnige Auflösung, welche sehr an ein Gemälde erinnert.
Bei unserem Gespräch mit der
Künstlerin in der Kirche, sagte sie nebenbei: „Ich dachte immer, dass mir das
Malen nicht liegt. Bei dieser Arbeit merkte ich jedoch, dass ich es gar nicht
so schlecht kann.“
Reportage:
Chantal Michel, eine Künstlerin, welche ihren Körper als
Werkzeug für ihre Arbeiten verwendet. Um mehr über ihre Hintergründe und
Gedankengänge zu erfahren, bemühten wir uns um eine Zusammenarbeit mit ihr.
Anhand von Gesprächen konnten wir zwei unterschiedliche Treffen mit ihr
festlegen und durchführen. Das erste fand in Form einer Mitarbeit an ihrer
momentanen Ausstellung statt, im zweiten erhielten wir Einblicke über ihre
Person, ihr Leben und ihre Werke.
Am Samstag, 25. Oktober, um 14:00 Uhr betrat Anna den Zug in
Bern Richtung Zürich. Ab dem Hauptbahnhof, circa fünfzehn Minuten ausserhalb
der Stadt, traf sie sich mit Chantal Michel in „der Zitadelle“. Dies ist eine
70er-Jahre Kirche, welche im Januar 2015 abgerissen wird. Der kahle, weiss
gestrichene Betonbau wirkt auf den Betrachter kühl und wirkt im Quartier
Wollishofen eher fehl am Platz. Die klaren horizontalen und vertikalen Linien,
die das Gebäude aufweist werden durch verschiedenste Rundungen unterbrochen.
Der Äussere und Innere Eindruck der Kirche, stimmen durch die von der
Künstlerin vorgenommenen Veränderungen nicht mehr überein. Beim Betreten der
Kirche, schlägt einem eine warme, orientalisch riechende Luft entgegen.
Zusätzlich wird man von mystischen Klängen eingehüllt und das Auge muss sich an
die Dunkelheit der Räumlichkeiten gewöhnen. Die Künstlerin arbeitet nur mit
spärlichem Licht, fokussiert auf einzelne Werke, damit kein Museumsambiente
entsteht. Durch Spezialeffekte von Diskokugeln und diversen Geräuschen der
verschiedenen Installationen wirken zu Beginn sehr viele Eindrücke auf den
Besucher ein, es braucht einen Moment zur Orientierung.
Chantal Michel hat Anna mit einem Lächeln im Gesicht
empfangen und ihre Freude geäussert. Innert kürzester Zeit wurde sie in den
Ablauf des Anlasses eingeführt.
Als Einstieg in den Event, plante Michel einen Flohmarkt, an
welchem sie alte Requisiten früheren Arbeiten ausstellte und verkaufte. Der
Markt befindet sich im Keller, der dunkle Raum wird nur durch Stehlampen beleuchtet.
Der bekannte Geruch eines Brockenhauses ist allgegenwertig. Die präsentierten
Materialien sind thematisch im Raum verteilt und strahlen den farbigen Look der
60er-80er-Jahre aus. Von Schmuck über Lampen, Möbel und Kleider; alles ist
vorhanden.
Um 16:00 Uhr wurde der Flohmarkt eröffnet und zahlreiche
Einkäufer erschienen, welche sich an den Antiquitäten erfreuten. Betreut wurde
er von Anna, welche gleichzeitig einkassierte und von den interessierten
Besuchern in Gespräche verwickelt wurde. Ungefähr eine Stunde später wurde am
selben Ort ein Film über das Machen und Schaffen der Künstlerin gezeigt. Dieser
handelt von der Familie Michel, zeigt ihre Herangehensweise an ihre Projekte
und die Beziehungen zu diversen Menschen. Die Rezipienten folgten dem Film
aufmerksam und applaudieren zum Schluss. Die Atmosphäre war angenehm, jedoch
sehr ruhig und wurde nur durch einzelne Lacher aufgelockert. Die Offenheit der
Künstlerin in der Dokumentation, regte zum Nachdenken an.
Über vier Stockwerke verteilt konnte man im Anschluss die
Ausstellung begutachten. Mit dem gleichen Konzept, wie in früheren Arbeiten,
hat sie die Räumlichkeiten gestaltet.
Im Luftschutzkeller der Zitadelle konnte man altbekannte
Figuren in der Installation „Der Ausflug“ beim Schwanken im Wind beobachten. Im
Treppenhaus bis ins Erdgeschoss fand man drei grosse Bilder in Anlehnung an
Ferdinand Hodler. Im Parterre präsentierte sie ein Gemisch an Video- und
Fotoarbeiten. Die meisten Arbeiten stellte sie bereits früher in anderen
Kontexten aus, erneut musste sie sich den gegebenen Räumlichkeiten bei der
Präsentationsweise anpassen. Auf diesem Stockwerk liegen zwei der drei
Übernachtungsmöglichkeiten, deren Art sich farblich frappant von einander
unterscheiden. Der Aufgang ins erste Obergeschoss ist in weiss gehalten und
wirkt sehr gradlinig im Vergleich zum Rest des Hauses. Das Bild „Das
historische Gedächtnis mit seiner toten Zeit ist die Zukunft“ aus der Zeit im
Schweizerhof und die Büste aus Keramik unterstreichen diesen Eindruck. Auf
dieser Etage sind erneut mehrere Videoarbeiten zu betrachten, einzige Ausnahme
bilden die zwei neuen Werke „Die Nacht“ und „Die enttäuschten Seelen“ nach
Hodler. Der Schwerpunkt liegt auf dem Orgelsaal, welcher als geräumiger und
sehr kühl wirkender Speisesaal dient. Während dem Essen des „Diner Blanc“ kann
man die Installation „Die elfte Episode“ betrachten. Auf unsere Frage, ob sie
ein Herzstück bei ihren Arbeiten hat, antwortete sie: „Nein, ich habe eher zwei, drei Werke die ich nicht so mag. Wie zum
Beispiel „Die elfte Episode“, doch für diesen Platz ist es das Beste Werk.“
Die Treppe zum obersten Geschoss liegt in einer Rundung,
welche Michel für die Präsentation der im Schweizerhof entstandenen Fotoserie „Jenseits
von Zeit und Raum“ nutzt. Der Hintergrund der Bilder stimmt mit der Farbe der
Wand überein. Auf der Empore auf dieser Etage findet man eine weitere
grossformatige Installation namens „Das Werden des Gewordenen“. Nebenan in
einem kleinen Kämmerchen findet man bei vergleichsweise frostigen Temperaturen
das bekannte Werk „La reine des neiges“, welches sich in kühlen Grautönen
präsentiert.
Während der Möglichkeit die Ausstellung zu besichtigen,
wurde im Orgelsaal ein Apéro serviert. Durch die ganze Veranstaltung, wurde man
von einer anonymen Stimme geführt. Um 19:30 Uhr bat diese zum „Diner Blanc“. Serviert
wurde ein 5-Gangmenu, gekocht durch Chantal Michel. Zur Vorspeise gab es einen Rettich
Salat mit Silberzwiebeln, gefolgt von einer Blumenkohl Crèmesuppe,
anschliessend wurde ein Risotto mit Rosenwasser und Mascarpone serviert. Als
Nachspeise tischte das Personal ein halbgefrorenes Birnenlassi mit Ingwer auf. Weisswein
und Wasser waren die Getränke dazu. Bei ausgelassener Stimmung wurde gespeist.
Ab zehn Uhr wurde der Saal allmählich leerer und zu dritt liessen die zwei
Helfer und Michel den Abend ausklingen. Mit dem letzten Zug ging es heimwärts.
Obwohl die Begrüssung sehr freundlich ausfiel, wirkte die
Künstlerin auf Anna eher scheu, ruhig und zurückhaltend. Sie weicht
unangenehmen Fragen aus, hat aber trotzdem eine sehr klare und starke Meinung.
Durch die Eindrücke der Telefonate und des ersten Treffens, fuhren wir zwei
Wochen später mit gemischten Gefühlen nach Zürich. Schon beim ersten Schritt in
den sakralen Bau, bemerkte man, dass Chantal Michel sehr positiv gestimmt,
offen und auskunftsfreudig wahr. Sie nahm uns mit auf einen informativen
Rundgang durch ihr „Zuhause“. Gestartet wurde im Keller bei den Comicfiguren
unter denen sich viele bekannte Personen versteckten. Die Aufnahme ist Loup,
welcher während zehn Minuten aufgezeichnet wurde. Trotz der kurzen Laufzeit,
kippte eine Person um, was bei solchen Arbeiten keine Seltenheit ist. Dies ist
auch mit ein Grund, weshalb sie lieber selbstständig arbeitet. Sie kennt ihren
Körper, sucht immer wieder Grenzen und hat somit eine Selbstverantwortung. Auch
besteht dadurch für sie die Möglichkeit, zeitgleich auf ihre Mimik und Gestik
einzugehen. Diese Figuren begleiten sie seit geraumer Zeit und sind immer
wieder Teil von Arbeiten. „Leider
zerfallen die Masken und Kostüme, trotz sorgfältiger Lagerung altershalber
langsam“, meinte sie.
Die Serie der Anlehnung an die Werke von Hodler, entstand
durch die schon immer dagewesene Verbindung von Michel zum Künstler. Die immer
wiederkehrende Wiederholung von Figuren und deren Haltungen in seinen Bildern,
fand sie auch in ihren Werken wieder. „Ich
denke, wir hätten es zusammen gut gehabt, wäre er noch am leben.“
Durch eine für sie untypischen, neuen Arbeitsmethode
entstanden die verschiedenen „Duplikate“. Sie erzählte nebenbei, dass sie die
Hintergründe und sich selbst bemalte, um dadurch die Art der Bilder nachzuahmen.
Durch die Verwendung einer kompakten Digitalkamera bekommen die Bilder bei der
Vergrösserung eine körnige Auflösung, welche sehr an ein Gemälde erinnert. „Ich
dachte immer, dass mir das Malen nicht liegt. Bei dieser Arbeit merkte
ich jedoch, dass ich es gar nicht so schlecht kann“, meinte sie
schlussendlich.
Zu ihrer Fotografie in der obersten Etage, meinte sie, es
sei spannend die Wirkung der Bilder durch Temperaturen zu beeinflussen. Je nach
Umfeld einer Arbeit, wirkt diese durch solche eingriffe völlig anders. Sie
schilderte zudem, beim Bild „La reine des neiges“ habe sie den Hintergrund per
Photoshop hinzugefügt.
Später liess sie uns im Orgelsaal, in ihrem „Wohnzimmer“ in
zwei Sesseln platz nehmen. Über das Tischchen war ein weisses Tischtuch
geworfen, das Porzellan glänzte und in einer feinen Vase strahlte ein
Plastikbouquet. Wir fühlten uns wie in einer Puppenstube. Während dem sie uns
Kaffee einschenkte, sagte sie: „Ich bin gerne einsam und geniesse es hier
zu wohnen. Eigentlich mag ich Kirchen nicht, doch dieser Bau hat mich gefunden,
deshalb hab ich mich diesem Projekt angenommen. So viel Zeit verbringt selten
ein Künstler mit seinen Werken, meistens ist man nur bei der Vernissage dabei.“
Nach der Frage zu ihrer Kindheit, sind wir schnell auf die
Fotoserie „Rosen und Vergissmeinnicht“, welche im Jahr 2002 in der Parkanlage
Schloss Oberhofen in Thun entstand, gekommen. Für sie, sowie auch für uns hat
sie viel mit dem gross werden der Künstlerin zu tun. Die Figur auf den Bildern
stellt ihre Mutter dar. „Die Figur ist
für mich meine Mutter, es ist auch ihre Perücke. Meine Mutter war auch so
angezogen und am liebsten hätte sie wahrscheinlich gerne gehabt, es gäbe sie
zweimal. Sie war sehr eine präsente Person. Für mich ist die Familie relativ
unwichtig. Ich habe weder zu meiner Mutter, noch zu meiner Schwester einen
Bezug. Ich habe einfach mein Ding gemacht“, sagt sie.
In der kompletten Sammlung ihrer Werke bilden zwei Serien
eine Ausnahme. Die eine entstand währen den Jahren im Schweizerhof und heisst
„Victor“. Der Mann wird durch den internen Hoteldirektor verkörpert und ist
somit der einzige männliche Protagonist. Die Maske wurde hauptsächlich
verwendet, wegen dem Bekanntheitsgrad, aber auch weil er durch sie so
liebenswürdig wirkte. „Ich wurde
eingeladen in diesem Hotel etwas zu machen und habe den Direktor gefragt, ob er
mir helfen würde. Wir haben ein halbes Jahr zusammen im Schweizerhof gelebt, da
er sein Büro auf der gleichen Etage hatte. Ich habe ihm immer gesagt, er dürfe
nicht unangemeldet eintreten. Es wäre für mich der Horror gewesen, wenn er mich
beim blödeln erwischt hätte. Einmal ist er trotzdem hineingeplatzt und sagte,
er wolle endlich sehen was ich hier mache. Ich habe ihm erklärt, er könne mir
mal assistieren. Er diente zuerst nur als Platzhalter für Einstellungen, war
für diese Arbeit jedoch die geeignetere Figur. Und so entstand Victor.“
Eine weitere sehr schöne Serie, bei welcher sie sich an den Künstler
Hermann Gerber orientierte, entstand im Jahr 2007. Der Künstler war ein
grossartiger Kopierer und skizzierte viele grosse Meister. Bei der Fotostrecke
„Die Unwiderruflichen“ hat Michel die Skizzen mit ihrem Körper gefüllt und
verbunden. Auch bei dieser Arbeit hat sie die Hintergründe und sich selbst bemalt.
Nach langem diskutieren über ihr Machen und Schaffen und
über die verschiedensten Projekte, kam die Frage zu Finanzierung auf: „Man
versucht natürlich beim Kanton und bei der Stadt Unterstützung zu bekommen.
Aber auf diese kann man sich nicht verlassen, deshalb versuche ich mich immer
selbstständig zu finanzieren. Wenn man will, findet man immer einen Weg. Für
ein Projekt wie die Zitadelle, habe ich ein Budget von circa Fr. 100'000, habe
jedoch nur etwa Fr. 10'000 bekommen. Den Rest treibe ich durch Sponsoren,
Sammler und Gönner auf, dies basiert oftmals auch ein wenig auf Druck. Es ist
sehr schwierig als Einzelkünstlerin Gelder von Fonds oder Stiftungen zu
bekommen, da diese meisten nur Gruppen oder Galerien unterstützen.“
Wir haben uns Gedanken über ihre Zukunftspläne gemacht. Wie
geht sie mit dem älter werde um und wie setzt sie diese Veränderung des Körpers
um. Diese Frage kam auf, weil ihre bisherigen Fotos alle sehr jung und
ästhetisch wirken. Sie meinte, sie freue sich sehr aufs alt werden und genau auf
diese Veränderung des Körpers. Sie stellt sich ihren eigenen Körper als eine
Rose vor die mit der Zeit verdorrt. „Und eine verdorrte Rose ist doch auch
schön, oder?“ Sie meint auch, es gebe zu wenig zeitgenössische Künstler, welche
mit alten Körper arbeiten. Man sehe immer nur junge, frische Körper. Ich gehe
es nicht nur ums schöne Aussehen, sondern um eine interessante Ästhetik.
Das Gespräch war informativ, spannend, aufschlussreich und
durch ihre heute gezeigte Persönlichkeit sehr offen und berührend. Die
Atmosphäre in der Zitadelle hat dieses Gefühl der Wärme und Geborgenheit
unterstützt. Unsere Befürchtungen, dass das Gespräch einseitig, stockend und
oberflächlich verlaufen könnte, haben sich überhaupt nicht bewahrheitet.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen